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EZB verscheucht Treasurern die Kunden

Mario Draghi wird vieles angekreidet. Nun kritisieren Treasurer den EZB-Präsidenten: Er könnte mit seiner Zinspolitik deren Kunden verscheuchen, heisst es....

Auch wenn Mario Draghi mit seiner Ankündigung, Unternehmensanleihen zu kaufen, die Kreditkosten in Richtung ihrer Rekordtiefs gedrückt hat, schlagen einige Treasurer Alarm. Sie fürchten, dass diese Politik für sie letzten Endes schädlich sein dürfte.

Ab Juni wird die Europäische Zentralbank beginnen, Papiere im Qualitätsbereich Investment Grade zu erwerben. Dieser Schritt ist Teil der Impulse, die Wachstum und Inflation ankurbeln sollen. Indem sie die Papiere auf ihre Einkaufsliste setzte, hat die EZB dazu beigetragen, die Renditen in die Nähe ihrer Allzeittiefs vom vergangenen Jahr zu drücken, stellt Merrill Lynch fest.

Das Problem ist nach Einschätzung der Treasurer folgendes: Die EZB könnte traditionelle Investoren abspenstig machen, so dass die Unternehmen sich auf diese nicht mehr für die Finanzierung am Primärmarkt verlassen können und es schwieriger wird, auf dem Sekundärmarkt zu kaufen und zu verkaufen. Manche Firmen hätten bereits Sorgen geäussert, die EZB werde die Anleiheemissionen dominieren, sagt Jean-Marc Servat, Chairman der European Association of Corporate Treasurers, die 21 nationale Treasurer-Verbände in der Region repräsentiert.

Langfrist-Wirkung unerwünscht

Kurzfristig wirke sich das in günstigeren Finanzierungskonditionen aus, sagt Norbert Mayer, Konzern-Treasurer bei der. Mittel- und langfristig könne es aber mehr Volatilität auf dem Sekundärmarkt geben, was den Nutzen beim Pricing einschränken würde.

Ein Vertreter der Zentralbank lehnte einen Kommentar zu diesen Bedenken ab. Die EZB wird auf Euro laufende Papiere mit Laufzeiten zwischen sechs Monaten und 30 Jahren von Unternehmen ausserhalb des Bankensektors kaufen, die ein Investment-Grade-Rating von mindestens einer Ratingagentur haben, wie aus den im April veröffentlichten Details hervorgeht. Die nationalen Zentralbanken im Euroraum werden die Papiere für die EZB auf dem Primär- und Sekundärmarkt erwerben und bis zu 70 Prozent von jedem Bond kaufen.

Interessenvertreter Servat, der zuvor leitende Treasury-Positionen bei Systems und innehatte, teilt einige der Sorgen der Treasurer. Es bestehe das Risiko einer Marktverzerrung, wenn eine Institution zu viele Schulden eines Unternehmens halte, sagt er und betont, dies sei seine persönliche Meinung. Wohler fühle er sich, wenn die EZB am Sekundärmarkt auftrete, weil sie am Primärmarkt traditionelle Investoren verdrängen könne, erklärt er.

"Wenn sich die EZB 70 Prozent der Emission schnappt, wer macht dann im Anschluss den Markt?", fragt Henrik Hänche, Leiter Corporate Finance bei der AG. "Die EZB wird das Programm früher oder später einstellen, und dann stehen wir da mit unserer langjährigen Investorenbasis."

Zuteilungen kontrollieren

Die Zentralbank könnte Schwierigkeiten haben, bedeutende Mengen an Unternehmensanleihen zu kaufen, weil die Treasurer die Umfänge der Primärmarkt-Allokationen begrenzen können und der Sekundärmarkt illiquide ist.

Hänche zufolge würde das Unternehmen erwägen, die Menge an Bonds, die die EZB erwerben kann, zu kontrollieren, um die Beziehungen und die Liquidität zu sichern. Anleihen der Deutschen Post, wozu auch DHL gehört, werden wahrscheinlich für die EZB-Käufe geeignet sein, sagt ein Unternehmenssprecher.

Stefan Scholz, Konzern-Treasurer bei des Reifenherstellers Continental, fühlt sich ebenfalls nicht wohl bei dem Gedanken, 70 Prozent einer Emission an die Zentralbank abzugeben. Normalerweise lägen die Zuteilungen an Investoren unter 15 Prozent, sagt er.

EZB kein treuer Investor

Die EZB hatte mitgeteilt, sie werde sich am Primärmarkt nicht an Transaktionen von Gesellschaften beteiligen, die sie als "öffentliche Unternehmen" einstuft, und sie werde am Sekundärmarkt weniger als 70 Prozent bei solchen Transaktionen kaufen. Die Zentralbank stuft ein Unternehmen laut Europaparlament als öffentlich ein, wenn eine staatliche Stelle "dominanten Einfluss" darauf hat.

"Man kann nicht auf die EZB als treuen Investor bauen, wenn sie das nur für ein paar Monate im Rahmen der Geldpolitik macht", sagt Ivo Kok, Treasurer bei Alliander NV. Der niederländische Gas- und Stromhändler, dessen Aktien direkt von Provinzen und Gemeinden gehalten werden, bevorzuge langfristige Investoren, so Kok.

Auch wenn sich die Unternehmen um unerwünschte Folgen Sorgen machen, so bemühen sie sich doch, von der Nachfrage zu profitieren. Die Aussicht auf EZB-Käufe befeuert die Nachfrage institutioneller Investoren, und das zweiteilige 1,25-Milliarden-Euro-Angebot der Deutschen Post vom März sei auf "den grössten Appetit" gestossen, "den wir je bei einer Anleihenemission gesehen haben", so Hänche.

Durchschnittsrenditen fallen

Hoch bewertete Unternehmen in Europa haben rund 85 Milliarden Euro an Papieren begeben, seit die EZB am 10. März ihre Pläne verkündet hat, verglichen mit 49 Milliarden Euro bis zu diesem Zeitpunkt, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen. Den Daten zufolge war die vergangene Woche die aktivste aller Zeiten.

Die Durchschnittsrenditen fielen vergangene Woche auf 1,01 Prozent, verglichen mit 1,27 Prozent am Tag vor der EZB-Mitteilung, wie Indexdaten von Merrill Lynch zeigen. Das Rekordtief von 0,93 Prozent wurde im März 2015 erreicht.

Doch manche Treasurer fürchten, dass der Nutzen nur vorübergehend ist. Die EZB könnte bestehende Investoren verdrängen und Liquidität aufsaugen, was zu Preisvolatilität führen würde, sagt Peter Müller, Leiter Corporate Finance bei der AG. Sie könne die Renditen hochtreiben, wenn sie die Bondkäufe beende oder viele Papiere auf einmal verkaufe, sagen Mayer von und Hänche von der Deutschen Post.

"Die EZB wird einen positiven Einfluss auf das Pricing haben, aber auf unsere Investorenbasis könnte sich das negativ auswirken", erklärt Scholz von Continental. "Es ist heute noch nicht möglich, eindeutig zu sagen, ob die EZB-Käufe für uns positiv oder negativ sein werden.”

(Bloomberg)

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